Fabian Pfleger malt seit Jahren fast ausschließlich sich selbst, und er kennt die Frage, die das auslöst, besser als jeder andere. Warum tut der Mann das? Eine endgültige Antwort auf diese Frage ist aber gerade das Ziel und nicht der Ausgangspunkt der Arbeit von Fabian Pfleger. Denn die Frage nach der eigenen Identität und dem Sinn des eigenen Handelns ist so alt wie die Menschheit selbst und dennoch von ihrer Bedeutung her absolut zeitlos. Und so bleibt die Frage nach der eigenen Identität vorerst unbeantwortet stehen, wird sogar an den Betrachter weitergereicht, in der Hoffnung, dass sie sich bei dem einen oder anderen dreht — dass aus „für wen hält der sich eigentlich?” irgendwann „und wie halte ich es mit mir selbst?” wird. Ein Automatismus ist das nicht. Es erfordert Willen und die Bereitschaft, sich auf die Malerei einzulassen. Denn Malerei kann ohnehin nichts erzwingen, nur anbieten. Wer bin ich, wer sind wir und wer wollen wir sein?
Dass er für das Auslösen dieses fundamentalen Diskurses ausgerechnet zum Selbstporträt greift, passt in die Zeit, in der seine Bilder entstehen. Sich selbst herzuzeigen ist zur Alltagsbeschäftigung geworden, der Einzelne und seine Befindlichkeiten werden so wichtig genommen wie selten zuvor. Die Gesellschaft zerbricht in immer kleinere Lager, die sich vermeintlich in die Quere kommen. Um uns herum scheint überall Konflikt zu herrschen, dabei leben wir in einer der friedlichsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Pflegers Selbstporträts stellen sich der Gesellschaft aber eben nicht entgegen, sondern begeben sich mitten in sie hinein und treiben das Ich so weit, bis es sich selbst und anderen zur Frage wird.
In der vorliegenden Arbeit „Gedankengarten” bekommt diese Selbstbefragung eine moralische Wendung. Was macht denn einen guten Menschen eigentlich aus? Die Antwort, die das Bild vorschlägt, schont niemanden: Ein guter Charakter fällt einem nicht einfach in den Schoß, er erfordert Arbeit, genau wie ein Garten, den man schön nennen will.
Ein Mann sitzt im Gras und schaut träumerisch in die Ferne. Aus seinem Kopf heraus wächst eine Krone aus blauen Blüten, und in dieser Krone, auf seinen Schultern, auf seinen Unterarmen, überall im Bild ist derselbe Mann noch einmal zu sehen: mit Gärtnerwerkzeug, einen Strauß im Arm, auf einer Leiter in die eigenen Gedanken steigend. Diese Figuren stehen für Aspekte des eigenen Selbst, Rollen, in die wir für uns und andere schlüpfen und die uns ständig begleiten in diesem Prozess der Selbstverwirklichung, den wir „das Leben” nennen. Die blauen Blüten repräsentieren seine Gedanken. Auch an ihnen wird gearbeitet, nicht nur an den Taten, die aus ihnen folgen und die im Gegensatz zu den Gedanken für jedermann sichtbar sind.
Die Schildkröte schließlich symbolisiert die Geschwindigkeit, mit der sich der Charakter eines Menschen entwickelt. Wir werden nicht wie Saulus zu Paulus, sondern haben meist einen langen Weg hinter uns, bis wir unerschütterliche Prinzipien für unser eigenes Handeln entdeckt haben.
Und dann ist da noch ein Aspekt, der das Bild des Gartens sehr geeignet macht, um damit das Streben nach moralischer Vollkommenheit zu symbolisieren. Ein schöner Garten erfreut nicht nur denjenigen, der hart für ihn gearbeitet hat und daher seine Schönheit am besten von allen wertzuschätzen weiß, sondern er erfreut einen jeden Menschen, der ihn betritt, ganz gleich, wie viel Arbeit er hineingesteckt hat.
So ist es auch mit dem guten Menschen: Nicht nur er selbst erfreut sich an seinem eigenen Handeln, sondern auch jeder Mensch, der mit ihm in Kontakt kommt, wird sich an ihm erfreuen können.
Bild: „Gedankengarten“, 125 x 100 cm, 2026 Öl auf Leinwand von Fabian Pfleger
